Werringsen

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Wenn das Glöckchen der Kapelle Stimmungen verschiedener Zeitabschnitte hätte wiedergeben können, so wären oft nicht nur freudig schwingende Töne von der Werringser Hochfläche aus in das nahe Ruhrtal gedrungen, sondern so mancher tieftraurige Ton wäre aus dem Geläut herauszuhören gewesen und hätte sich in den lauten Glockenschall der später erbauten St. Johannes-Baptist-Kapelle in Barge mahnend eingemischt, vielleicht ab und an auch ein wenig vorwurfsvoll. Die St. Michaelskapelle ist eben nicht nur ein kulturgeschichtliches Bauwerk, sie hat auch ein Herz, das die Ortsteile und die darin wohnenden Menschen zusammenhielt oder bei Streitigkeiten auch wieder besänftigte. Die jetzt zu beleuchtende Zeitgeschichte gibt Aufschluss hierüber.

Die in den Jahren 1836/37 erbaute St. Johannes-Baptist-Kirche in Barge hätte beinahe den Verlust der St. Michaels-Kapelle herbeigeführt. Der Gedanke einer Beseitigung schwelte jedoch schon viel länger und führte
zu mancherlei Irrungen, Verwirrungen und auch zu heftigen Auseinandersetzungen.

Bereits am 15.6.1836 berichtete der Mendener Pfarrer Goebel dem Generalvikariat in Paderborn, dass die Kapelle in Werringsen baufällig sei. An einen Neubau sei nicht zu denken, weil die umliegenden Benutzer zu arm seien. Zur gleichen Zeit beabsichtigte der Gutsbesitzer Franz Sauer aus Barge, aus persönlichen Gründen und mit eigenen finanziellen Mitteln noch im Laufe des Sommers zur Ehre Gottes eine neue Kapelle zu erbauen. Allerdings sollte diese nicht auf dem Platz der St. Michaelskapelle errichtet werden, obwohl deren Abriss geplant war.

Sowohl Franz Sauer wie auch Pfarrer Goebel waren offensichtlich sehr daran interessiert, das Vorhaben schnell in die Tat umzusetzen. Noch bevor das Generalvikariat eine Stellungnahme abgab, überreichte Pfarrer Goebel dem Gutsbesitzer Sauer am 10.8.1836 eine Unterschriftenliste, in der sich eine Reihe von Einwohnern der Ortsteile Wimbern und Werringsen damit einverstanden erklärten, dass

  • 1. die Kapelle in Werringsen, die dem Einsturz nahe sei, abgebrochen werden solle,
  • 2. sie die neu zu errichtende Kapelle in Barge besuchen wollten, wenn ihnen dadurch keine besonderen Lasten entstehen würden.

Die Bürger von Ober-Oesbern setzten den Abbruchplänen jedoch sofort Widerstand entgegen. Mit dem Hinweis auf den längeren Kirchweg bis Barge schlugen sie eine Reparatur der Werringser Kapelle vor. Das Generalvikariat in Paderborn stellte sich auf die Seite der Ober-Oesberner Einwohner und erklärte, dass es den Interessenten vorbehalten bleibe, die Reparatur der alten Kapelle vorzunehmen oder eine neue zu errichten. Die Ober-Oesberner erklärten sich daraufhin bereit, die entstehenden Kosten zu übernehmen und auch die notwendigen Arbeiten in Eigenleistung durchzuführen. Gleichzeitig verfolgte das Generalvikariat jedoch konsequent die Neubaupläne in Barge, denn am 17.4.1837 ersuchte der Bischof von Paderborn, Freiherr von Ledebur, die Königliche Regierung in Arnsberg, die Baugenehmigung zu erteilen. Die Regierung in Arnsberg zögerte jedoch mit der Genehmigung, weil befürchtet wurde, dass zwei Kapellen Unordnung in die Pfarrbezirke bringen könnten. Die Oesberner Bürger setzten sich daher weiter für den Erhalt der Michaelskapelle ein und sorgten mit Geld und Arbeitseinsatz für den Erhalt der Bausubstanz.

Der Streit der verschiedenen Bürgergruppierungen und der Genehmigungsinstanzen entbrannte heftig. Gutachten und widersprüchliche Aussagen gingen hin und her und trugen sicherlich nicht zum friedlichen Miteinander der betroffenen Bürger und Gemeindemitglieder bei. Ob die Königliche Regierung in Arnsberg letztendlich aufgrund einer objektiven Beurteilung der Sachlage die Genehmigung zum Bau der neuen Kapelle in Barge erteilt hat, kann nach der heutigen Aktenkenntnis nicht gesagt werden. Der Bischof von Paderborn hat noch zweimal, am
18. und 26.11.1837 um die Baugenehmigung nachgesucht. Den längeren Kirchweg der Oesberner ließ er nicht gelten. Es war jedoch ohnehin ein Disput, der nur auf dem Papier und zwischen den Bürgern mit größter Heftigkeit ausgetragen wurde, denn in Wirklichkeit war mit dem Bau der neuen Kapelle in Barge längst begonnen worden, und zwar im Jahre 1836. Den Bürgern von Wimbern wurde von Paderborn aus vorgeschrieben, von der Benutzung der Michaelskapelle Abstand zu nehmen und die neue in Barge zu besuchen. Noch während die Arnsberger Regierung mit den Einsprüchen der Oesberner beschäftigt war, gab der Bischof die Fertigstellung der Barger Kapelle bekannt.

Die Doppelgleisigkeit, mit der gearbeitet wurde, ließ den Gegensatz zwischen den Bürgern von Nieder-Oesbern und Ober-Oesbern auf der einen und denen von Werringsen, Barge, Wimbern und Brockhausen auf der anderen Seite noch lange nicht abebben, eher im Gegenteil, das Gegeneinander nahm an Schärfe zu.
In einem Bericht des Pfarrers Hemmer von St. Vincenz vom 28.3.1841, gerichtet an das Generalvikariat in Paderborn, liest sich das so: „Die Einwohner der zuerst genannten Gemeinden, die dem Abbruch der Michaelskapelle nicht zugestimmt hatten, weigern sich, die Kapelle in Barge zu besuchen, und sie haben ihren Kindern verboten, dort am Messopfer teilzunehmen". Gleichzeitig gab Pfarrer Hemmer der Hoffnung Ausdruck, dass die alte Kapelle mit der Zeit eingehen und die neu erbaute in Barge dann als Gemeinheitskapelle anerkannt werde.

Der Zwist zog sich über viele Jahre hin. Als im Jahre 1898 der Kirchenvorstand von St. Vincenz beschloss, Ober-Oesbern dem neu zu gründenden Filialbezirk Barge zuzuordnen, protestierten sowohl die Bürger von Ober-Oesbern, wie auch die von Wimbern, Nieder-Oesbern, Barge, NiederBarge, Werringsen und Brockhausen. Den Ober-Oesbernern, die sich kirchlich nach Menden orientieren wollten, unterstellte man sogar Hetze gegen Barge. Tatsächlich konnten sich die Ober-Oesberner dann der Einpfarrung nach Barge entziehen. Gott sei Dank hat St. Michael in dieser kämpferischen Zeit offensichtlich schützend seine Hand über seine Kapelle gehalten. Die einfachen Bürger, die Kosten und Arbeit übernommen hatten, erkannten nicht nur die Bedeutung der Kapelle für die weit auseinander liegenden Streusiedlungen, sondern auch den besonderen baugeschichtlichen Wert, bildet die Kapelle doch eines der wenigen Zeugnisse des Sakralbaus in der Barockzeit im heimischen Raum. Die Kapelle steht seit 1983 unter Denkmalschutz und wird vom Landeskonservator in Münster betreut.

Bis zur Flurbereinigung in den Jahren 1955/1963 war die Kapelle im Besitz der St. Vincenz-Kirchengemeinde in Menden. Im Zuge der Flurbereinigungsmaßnahmen wurde sie mit Grund und Boden der Barger Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist zugeführt.

Die Nutzung der Michaelskapelle für kirchliche Zwecke ging nach der Erbauung der St. Johannes-Baptist-Kapelle in Barge naturgemäß stark zurück und wurde noch mehr eingeschränkt, als die St. Aloysius-Kapelle im Jahre 1929 in Ober-Oesbern fertiggestellt war. Die Nutzung beschränkte sich auf wenige Tage im Jahr. An dieser Stelle ist um so deutlicher hervorzuheben, dass der Schützenverein St. Michael Oesbern der Kapelle die Treue hielt, bis zum heutigen Tag.

Von 1904 bis 1967 wurde morgens am Schützenfest-Montag um 7 Uhr in der Kapelle die Schützenmesse gefeiert, trotz des langen, beschwerlichen Fußmarsches über schlechte Waldwege. Erst 1968 haben die Oesberner Schützen die Schützen-Messe in die St. Aloysius Kapelle verlegt. Statt dessen wird seitdem zur Eröffnung des Schützenfestes am Samstagnachmittag mit dem jeweiligen Präses eine kurze Andacht in der Michaels-Kapelle gehalten, aber auch mit Fußmarsch hin und zurück.

Darüber hinaus haben die Oesberner Schützenbrüder seit 1980 noch einen anderen Brauch eingeführt. Das Patronatsfest (St. Michael 29.Sept.) wird in der Michaels-Kapelle gefeiert, und zwar an dem Freitag, der dem Michaelstag am nächsten liegt.

Die Barger Kirchengemeinde führte ab 1920 einen schönen Brauch ein.
An 3 Tagen vor Christi Himmelfahrt besuchte sie in einer Bittprozession von Barge nach Werringsen morgens um 7 Uhr die Michaelskapelle, um dort das Hl. Messopfer darzubringen. Mit der Schließung der Barger Schule 1969 wurde der fromme Brauch zum Teil abgeschafft. Die Prozession findet nur noch am Dienstagabend vor Christi Himmelfahrt statt.

Der Barger Pastor Oskar Schmerbach († )führte Mitte der achtziger Jahre
die monatliche Abendmesse in Werringsen ein, allerdings nur in den Sommermonaten. Auch dieser Brauch ist bis heute erhalten.

Es sind nicht nur ernste oder fromme Geschichten, die sich um die geliebte Kapelle ranken. Auch Amüsantes verdient es, festgehalten zu werden, wie die folgende Anekdote zeigt. Selbst der Respekt vor dem geistlichen Stande war kein Hinderungsgrund, das Kapellchen in jeder möglichen Weise zu verteidigen, wenn es nötig sein sollte sogar mit „Waffengewalt". Der Landwirt Paul Schulte (†)vom gleich nebenan liegenden Schultenhof zum Beispiel behütete die Kapelle stets wie sein Eigentum. Eines Tages ergab sich zwischen ihm und dem damaligen Pastor Agethen (†)ein heftiger Disput um das Kapellen-Glöckchen. Der Pastor war nämlich der Meinung, die Glocke solle nach Barge geholt werden, weil Paul Schulte sie ja doch nicht läute. In Barge könne Pastors Mutter diese Arbeit besorgen. Der gute Paul war ob dieses Ansinnens außer sich. Er befürchtete das Schlimmste, etwa in Form einer Nacht- und Nebelaktion. Er ließ die Kapelle nicht mehr aus dem Auge. Und tatsächlich konnte er kurz darauf in der Dämmerstunde eine unheilvolle Beobachtung machen. Drei junge Männer verschafften sich Eingang durch die Kapellentür, offensichtlich mit dem Schlüssel, den der Pastor in Verwahr hatte. Für Paul war klar: Die wollen die Glocke klauen! Sofort ging er mit einem Knüppel bewaffnet in Versteckposition hinter seiner Scheune, um im richtigen Augenblick zugreifen zu können. Drei Stunden musste er in seinem Versteck aushalten, bis die „Diebe" wieder in der Tür sichtbar wurden. Paul hatte vergeblich gewartet, denn das Corpus delicti hatten sie nicht dabei. Trotzdem war die Befürchtung von Schulten Paul nicht ganz unberechtigt gewesen. Er erfuhr nämlich später, dass die Glocke tatsächlich abmontiert werden sollte, aber die Männer hatten es nicht geschafft, sie aus der Verankerung am Gebälk zu lösen. Ein Diebstahl war allerdings nicht geplant. Die Glocke sollte für eine Ausstellung an der Möhne lediglich ausgeliehen werden. Ein unangemessenes Eingreifen des Verteidigers hätte ungeahnte Folgen haben können, und zwar etwa 15 Jahre später. Einer der drei jungen Männer, die damals in den Glockenvorfall verwickelt waren, war nämlich der zu dieser Zeit in Barge tätige Pastor Dr. Gerhard Best, übrigens ein Glockenfachmann von Ruf.

Ob St. Michael persönlich “Schulten Paul” vor nicht zu übersehenden Konsequenzen bewahrt hat?

Theo Ostermann hat dafür gesorgt, dass dieses Ereignis in die Kapellengeschichte eingeht und unvergessen bleibt. Zu diesem Zweck hat er sein „Lied von der Glocke" verfasst. Hierzu muss angemerkt werden, dass Paul Schulte im Freundeskreis mit dem Beinamen „Müller" bedacht wurde:

     
    Et was niägenteinhunertachensiäwenzig im Suemer,
    n'pa junge Käls van Werl wön ine Kapelle
    met nem Schlüetel vam Pastäoer.

    De Müeller stond ächter de Schuier
    Un dach „Hoi stoiste guet op de Luier".
    Hei kuiere säo vör sik hän
    „Klauet dai ues et Geluie,
    ik hal'n Prengel un klop op de Luie".

    Dat Geluie was te faste,
    dai jungen Käls mäken Raste.
    Sei öwerlachten, heuer nit mä te öwernachten
    Un fäuern äone et Geluie trüg no Hius.
    De Müeller was still e ne Mius.

    Hei wuss biu de Glocke sik läusere,
    die drei van Werl ower nit,
    dat was uese Glück!
    Dai Prengel was niu öwerig,
    hei schmiätne ganz wacker
    op en frisk gebuggeten Acker.

    Foiftein Johr sind dröwer vergon,
    Barre kriäg'n niggen Pastäoer,
    deam Müeller waset nit ganz geheuer,
    hei kramere im Gedächtnis rüm
    un was ganz siäker sik:
    „Dat is de Käl, dai inne Kapelle schliäk`.

    Van Dage siät de Müeller:
    „Mein Gott wat bin iek fräoh,
    dat dem Gerhard nix passoier,
    süss wön voi van Dage äone Pastäoer".

    Mit der ersten Zeile des Uhland-Gedichtes begann unsere Chronik über die Michaels-Kapelle, mit der zweiten Zeile soll sie enden:

    ,, ....schauet still ins Tal hinab"

    zur Freude und Mahnung für noch viele Generationen, die uns folgen werden.

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