Geschichte

zum Ende

Droben stehet die Kapelle.....“

Die St. Michaelskapelle zu Werringsen und ihre Geschichte
nach Berichten von Norbert Aleweld und Theo Ostermann

Wem wäre nicht schon das Gedicht von Ludwig Uhland in den Sinn gekommen, wenn er sich von Barge oder Wimbern her dem Ortsteil Werringsen nähert und die Michaelskapelle auf der Anhöhe neben dem Schulten-Hof entdeckt.

Unter dem Pfarrer Haustaedt der Pfarrgemeinde Menden (1650 bis 1681) wurde die Kapelle in Werringsen erbaut. Zum besseren Verständnis der Historie sei an dieser Stelle vermerkt, dass die Pfarrei Menden bis zum Jahre 1821 zur Erzdiözese Köln gehörte. Durch die Umschreibung der Diözesen Preußens kam die Pfarrei Menden jetzt zur Diözese Paderborn.
Am 24.5.1652 gab Erzbischof Maximilian Heinrich zu Köln seine Zustimmung zum Bau der Kapelle. Der vielfach genannte Bauzeitraum 1690 bis 1699 ist sehr unglaubwürdig. Somit dürfte eine Gerichtsurkunde nicht anzuzweifeln sein, dass in der Kapelle schon am 20.1.1662 eine Zeugenvernehmung stattgefunden hat. In einem Brief eines Mendener Pastors an den Erzbischof in Köln wird eine Kapelle sogar schon 1537 erwähnt. Hierbei könnte es sich evtl. um eine Kapelle gehandelt haben, die an gleicher Stelle vorher schon stand. Eine kapitellähnliche Knagge, die die Westempore trägt, weist das Datum 1705 auf, so dass früher angenommen wurde, dies sei das Datum der Erbauung. Es dürfte sich jedoch um das Erbauungsdatum der Empore handeln.

Zur Untermauerung des Erbauungsdatums sei hier ein Textauszug aus dem Buch ”Menden - Eine Stadt in ihrem Raum”eingefügt. Hintergrund der genannten Zeugenvernehmung ist eine Auseinandersetzung zwischem dem Bürgermeister und Rat der Stadt einerseits und Pastor Haustaedt andererseits. Bürgermeister und Rat hatten Pastor Haustaedt verleumdet und mit unwahren Behauptungen denunziert. Nach Aussagen vieler Menschen, die sich ausnahmslos auf die Seite des Pastors stellten, wollte dieser die Angelegenheit endgültig klären und beauftragte den Werler Notar Johannes Jerues, mit der Vernehmung von Zeugen:

“
Nach der Vertrauensbekundung vom Jahre 1661 mußte sich Pfarrer Haustaedt verletzt und ungerecht behandelt fühlen. Er war daher auch nicht gewillt, die Sache auf sich beruhen zu lassen und seine Versetzung auf eine andere Stelle hinzunehmen. Er beauftragte den Notar Johannes Jerues von Werl, „die Vornehmsten der Pfarrgenossen der Stadt Menden und jedes Dorfes zur Vernehmung über seine Amtsführung zu laden und sie auf sieben Fragen, die sich inhaltlich mit den bereits angeführten decken, antworten zu lassen". Gisbert Kranz gibt in seiner „Geschichte der Pfarre Menden II vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis zum Übergang an das Bistum Paderborn"
(s. Quellenverzeichnis) einen genauen und eingehenden Überblick über die Verhöre, die in den folgenden Wochen vorgenommen wurden.
Die erste Vernehmung fand am 20. Januar 1662 in der Kapelle in Werringsen statt. Aus Wimbern sagten 7 Zeugen aus, aus Oesbern 6 und aus Werringsen 5.
Die zweite Vernehmung erfolgte ebenfalls am 20. Januar 1662 in der Kapelle zu Lenerinckhausen. Hier sagten aus Lenerinckhausen 7, aus Hüinckhausen 8 und aus Böinckhausen 5 Zeugen aus.”

Die Jahreszahlen 1690 bis 1699 entstammen einem Brief vom 3.6.1855 des Oesberner Gemeindevorstehers Goeke an den Mendener Bürgermeister Alsing, in dem er die Erbauung der Kapelle für die Jahre 1690 bis 1699 angibt. Aus seinen Angaben geht auch hervor, dass sie von den Mitgliedern der Schulgemeinde Werringsen errichtet worden ist. Wörtlich ist vermerkt: „Die Kapelle ist von sämmtlichen Gemeinheitsmitgliedern der Schulsocietät Werringsen erbauet und benützt und haben ihr Eigentumsrecht stets dadurch verwahrt und behauptet, indem der zeitige Lehrer in Werringsen verpflichtet ist, jede Leiche, welche im Bereich der Schulsocietät Werringsen stirbt, mit der Kapellenglocke daselbst beläuten muß".
Der Heimatforscher Theo Ostermann aus Werringsen geht davon aus, dass die Kapelle um 1655 herum gebaut worden sein muß, denn Pfarrer Haustaedt hat 1652 die Kapelle in Schwitten errichten lassen. Die Glocke hierfür, die seinen Namen trägt, wurde im Jahre 1660 gegossen. Um den Kirchgängern die weiten Wege zu ersparen, dürfte er den Kapellenbau in Werringsen ebenfalls zügig betrieben haben. Die Bauzeit um 1655 dürfte durchaus realistisch sein. Letztlich verbleibt sie aber im Dunkel der Geschichte.

An der Errichtung der Kapelle dürften die sog. Stephansbrüder (Stephansknechte) einen wesentlichen Anteil gehabt haben. Die Stephansbrüder waren eine fromme Bruderschaft, die sich in der Pestzeit während des 30-jährigen Krieges zusammen gefunden hatte. Eine Inschrift vor der Orgelbühne vom 4.9.1705 weist auf die Stephansbruderschaft hin.

Der Baumeister der Werringser Kapelle ist unbekannt. Vermutlich hat ein heimischer Zimmermann diese Rolle übernommen.

Die dem Erzengel Michael geweihte Kapelle war bis zur Einweihung der St. Johannes-Baptist-Kapelle zu Barge der kirchliche Mittelpunkt der Streusiedlungen Werringsen, Barge, Nieder-Oesbern, Ober-Oesbern, Brockhausen, Wimbern. Der Einzugsbereich der Kapelle war mit der Schulgemeinde Werringsen identisch.

Besonders erwähnenswert ist, dass neben der Kreuzkapelle in Sümmern die Michaelskapelle die einzige erhaltene Fachwerkkapelle im Raum Menden und Iserlohn ist. Im Gegensatz zur Kreuzkapelle hat sich das Bild der Michaelskapelle bis auf den heutigen Tag erhalten. Sie ist ein schlichter Barockbau mit Barocktür. Im Innern befindet sich eine barocke hölzerne Michaelsfigur aus dem Jahre 1699 und eine Muttergottes-Statue aus dem Jahre 1702.
 

Die Kapelle wurde mehrmals restauriert. Im Jahre 1958 wurde das Ständerwerk außen zum Teil ausgewechselt. Eine Innenrenovierung folgte im Jahre 1959, und zwar brachte man Heraklithplatten an, auf die eine neue Putzschicht aufgetragen wurde. Das große Altarbild mit Rahmen, eine Darstellung des Martyriums der Hl. Katharina von Alexandria, bekam einen Platz hinten an der Nordwand in der Nähe der Orgelbühne. Die Wände wurden mit moderner Freskenmalerei versehen, und zwar durch den Kunstmaler
Dr. Johannes Hohmann aus Menden.

Dem Betrachter stellten sich nach dieser Ausmalung der Erzengel Michael sowie die Heiligen Nikolaus von der Flüe, Notburga, Wendelin, Johannes der Täufer, Katharina und Sebastian dar. Die Dorfbewohner fanden an dieser Ausmalung wenig Gefallen. Im Zuge der Renovierungsarbeiten wurde auch der brüchig gewordene Altar entfernt und durch einen neuen ersetzt. Als man den Altarstein heraustragen wollte, brach dieser entzwei und setzte eine Kupferblechhülse frei, in der eine alte Urkunde lag. Diese hätte sicherlich Aufschluss über die Baudaten geben können, aber sie war durch den Zerfall leider unleserlich geworden.

Eine Gelegenheit, die Freskenmalerei wieder zu entfernen, bot sich im Zuge einer weiteren Renovierung Anfang der achtziger Jahre. Der Kirchenvorstand in Barge ließ alle Darstellungen mit weißer Farbe überstreichen, und das Bildnis der Hl. Katharina kam wieder an den alten Platz. Dies ist der Zustand bis heute.

Die Renovierung bezog sich aber nicht nur auf die Wandgestaltung. Eine Überholung des Dachgebälks war längst überfällig und wurde jetzt in Angriff genommen. Eichenbalken wurden zusätzlich eingefügt, aber auch Dachziegel mit Strohdocken ersetzten die alten Dachziegel naturgetreu. Das Dach erhielt darüber hinaus eine Regenwasserablaufrinne. Im Laufe der Jahrhunderte war das vom Dach herabfließende Wasser in die Fundamente eingedrungen, so dass es im Rahmen der jetzigen Baumaßnahmen unerlässlich war, die Fundamente durch Drainagerohre trocken zu legen.

Bis hierher ist die Kapelle baugeschichtlich nun ausgiebig dargestellt worden, und trotzdem gibt es noch ein Baumerkmal, welches der Vollständigkeit wegen nicht unerwähnt bleiben sollte. Ursprünglich hatte die Kapelle keinen Turm, aber eine Glocke existierte, wie wir eingangs gelesen haben. Die Bürger wussten sich zu helfen, indem sie die Glocke in einem an der Kapelle stehenden Baum befestigten, bis später auch ein Türmchen den Kapellenbau zierte. Selbst der Dorfschullehrer bekam auf diese Weise „ein Dach über den Kopf" und konnte bei schlechtem Wetter die Verstorbenen im Trockenen beläuten.

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